Lebensfragen

Mein Patenonkel und seine Frau sind kinderlos. Ich bin das „Ersatzkind“. Ich habe von ihnen viel Gutes erfahren. Vor allem teilen wir das Interesse für Geschichte. Sie haben sich jahrzehntelang mit Archäologie, Kunst und Architektur beschäftigt. Wir haben viele Jahre lang Ausstellungen gemeinsam besucht, Urlaube zusammen verbracht und ich habe unendlich viel von ihnen gelernt. Zum Dank für alles habe ich versprochen, mich um sie zu kümmern, wenn sie alt sind und dafür zu sorgen, dass sie möglichst bis zum Ende in ihrem Haus bleiben können.

Jetzt ist es soweit. Onkel ist 81, Tante wird in Kürze 85. Sie brauchen immer mehr Hilfe bei den alltäglichen Dingen. Onkels Zustand habe ich hier beschrieben.

Und Tante wird dement. Die Zeichen mehren sich, jedes Mal, wenn ich hinfahre (im Moment im Schnitt alle drei Wochen) wird es deutlicher. Onkel ist sich dessen bewusst, kann aber nicht damit umgehen, es gibt oft Streit. Sie selber will es nicht wahrhaben. Sie klagt, dass sie sich oft „wie besoffen“ fühlt, schiebt es aber auf die Medikamente, die sie aufgrund körperlicher Krankheiten nehmen muss.

Das Langzeitgedächtnis funktioniert noch, sie kann den Alltag noch bewältigen, weil vieles automatisch abläuft. Das Kurzzeitgedächtnis scheint fast ganz abhanden gekommen zu sein.

Absprachen sind schon nach einigen Minuten vergessen. Beispiel: Wir hatten vereinbart, dass sie die Bettwäsche liegen lässt, bis ich komme, ich wasche und bügle. Sie hat sie auch liegen lassen, allerdings nicht ungewaschen. Seit Jahrzehnten werden die Betten samstags abgezogen und die Wäsche sonntags gewaschen. Auch diesmal. Nur das Bügeln schafft sie kräftemäßig nicht mehr. Also blieb die feuchte Wäsche bis zu meiner Ankunft liegen. Acht Tage lang.

Sie muss Medikamente nehmen. Blutdruck, Herzinsuffizienz, Schilddrüse. Sie macht sich jeden Abend ein Schächtelchen fertig mit den Tabletten, die sie morgens, mittags und abends nehmen muss. Ich habe den Verdacht, dass sie schon lange den Überblick verloren hat und die Medikamente willkürlich zusammenstellt. Eigentlich müsste Onkel, der im Kopf immer noch absolut klar ist, die Zusammenstellung übernehmen. Macht er aber nicht, um ihr nicht erklären zu müssen, dass sie dazu nicht mehr fähig ist.

Es ist sehr schmerzlich, zuzusehen, wie ein Mensch, der sich immer über Verstand und Wissen definiert hat, langsam beides verliert.

Und ich bin hin und her gerissen. Wieweit kann und darf ich eingreifen? Wo fängt meine Verantwortung an, wo endet sie? Kann ich über den Kopf des Ehemannes hinweg Dinge in Bewegung setzen? Wen kann ich fragen?

Über lebensstraenge

Jahrgang 1953, verheiratet, Mutter zweier erwachsener Söhne, berufstägig, auf dem Weg in den nächsten Lebensabschnitt (passive Altersteilzeit), der mit dem 1. Mai 2014 (beginnen wird) begonnen hat.
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