Nostalgie in weiss

Als ich Kind war, in den 50ern und Anfang der 60er, wohnte ich erst bei Oma und Opa in einer Kleinstadt und später mit den Eltern in einem kleinen Dorf.

In der Kleinstadt kam der Milchmann mit einem Pferdefuhrwerk. Der Gaul trottete die Straßen entlang, wusste genau, wo er stehen bleiben musste und zog den Kühlanhänger langsam durch die Stadt. Wenn der Milchwagen vor dem Haus bimmelte, bekam ich von Oma eine blecherne Milchkanne und das Geld in die Hand gedrückt und lief los. An dem Wagen war nichts elektrifiziert. Die Kühlung kam durch dickes Eis.  Der Milchmann bediente eine Schwengelpumpe und die Milch schäumte in die Kanne. Der Mann verstand sein Handwerk und bediente die Pumpe mit unglaublicher Präzision.  Es wurde kein Tropfen vergeudet. Und meine Kanne war jedes Mal  genau bis zum Eichstrich gefüllt. (Etwas anderes hätte Oma auch nie durchgehen lassen.)

Später, im Dorf, gab es einen kleinen Milchladen. Auch dorthin trabte ich mit der Blechkanne, sie wurde gefüllt, immer noch mit einer Schwengelpumpe, nur die Kühlung erfolgte inzwischen  elektrisch.  Auch dort wurde kein Tropfen vergeudet. Wenn ich zuhause ankam mit zu wenig Milch in der Kanne, dann lag das an meinen sportlichen Ambitionen.  Wir waren immer in Grüppchen unterwegs zum Milchholen und selbstverständlich musste auf dem Heimweg getestet werden, wer es schaffte, den Arm mit der Milchkanne so schnell zu drehen, dass kein Tropfen Milch vergossen wurde.  Meistens hat es geklappt, aber doch nicht immer. 😉

Die Milch, die ich in meine Kanne bekam, war frisch.  Unbehandelt, nur gekühlt. Nicht pasteurisiert, nicht homogenisiert, nicht mikrofiltriert.

Ich erinnere mich, dass sowohl Mama als auch Oma die Milch in eine flache Schüssel gossen, mit einem Teller abdeckten und in die Speisekammer stellten. Nach ein paar Tagen war daraus Dickmilch geworden. Die gab es dann als Abschluss beim Abendessen, traditionell mit zerbröseltem Schwarzbrot und Zucker.

Auf der Milch schwamm dicker Rahm und Oma zeigte mir einmal, wie man daraus Butter macht. Ich habe oft einfach meinen Finger in den Rahm getaucht und abgeschleckt. Es muss geschmeckt haben, denn ich habe es trotz mütterlichem Gemecker immer wieder getan.

Mama kochte manchmal Milchkonfitüre, die Milch wurde mit Zucker ganz langsam dick gekocht. Es schmeckte himmlisch karamellig und war als Brotaufstrich ein Festessen.

Die Milch, die wir Kinder zum Trinken bekamen, wurde immer abgekocht.

Wenn ich die massakrierte Plörre  sehe, die uns heute als Milch verkauft wird, bekomme ich Sehnsucht nach der Milch meiner Kindheit.

Ja, ich habs gelesen,  Rohmilch ist furchtbar gefährlich, enthält viele Krankheitserreger. Ist das wirklich so?  Ich war ein Kind, wenn damals wirklich Kinder durch Erreger in der Milch krank wurden, habe ich das wahrscheinlich nicht so erklärt bekommen. Vielleicht wusste man es damals auch nicht besser. Aber ich bin misstrauisch. Ich höre auf mein Bauchgefühl.  Und mein Bauch grummelt alarmierend, wenn mir etwas, das der Lebensmittelindustrie sehr gut in den Kram passt, als höchst gesund angepriesen wird.

Ich glaube, ich mache mich jetzt auf die Suche. Nach einem  Bauernhof, der Milchvieh nur zum Nebenerwerb hält, die Kühe auf der Weide stehen lässt und bereit ist, die Milch ab Hof zu verkaufen.  Ich fürchte, das wird nicht ganz einfach, aber – Versuch macht kluch.

Über lebensstraenge

Jahrgang 1953, verheiratet, Mutter zweier erwachsener Söhne, berufstägig, auf dem Weg in den nächsten Lebensabschnitt (passive Altersteilzeit), der mit dem 1. Mai 2014 (beginnen wird) begonnen hat.
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